Skip to content
Instagram Mail

Das Fenster

Anzahl Bewertungen: 0

Ich sitze.

Ich sitze.

Ich sitze.

Langsam blicke ich auf. Ich lächle und seufze sanft. Draußen wird die Nacht erleuchtet, immer wieder, immer öfter. Der Sturm, der sich zusammengebraut hat, ist beachtlich. Ich lächle erneut. Obwohl, ob der so beachtlich ist? Ich hab schon viel schlimmere in meinem Leben gesehen. Schon viel Schlimmeres in all den Jahren erlebt. Ich spüre wie der Wind sich Wege durch die Ritzen meines Fensters bahnt. Dieses Fenster, das mir meine Hoffnung immer nahm, als ich hindurchblickte.

Ich lächle erneut und die durch den Regen trüb gewordene Landschaft verschwimmt immer mehr unter den Tränen, die sich bedacht in meinen grau gewordenen Augen sammeln. Die große Hornbrille auf meiner Nase hatte bereits bessere Tage erlebt, genau wie ich. Doch auch sie hatte mit der Zeit begriffen, dass alles so blieb wie es war.

Einst, ja einst, in den Jahren meiner Blüte, in denen ich auf Tischen steppte und mit Freunden Pferde stahl, war Hoffnung mein beständiger Begleiter, mein steter Getreuer, der mir nie von der Seite wich, obwohl ich bereits oft enttäuscht wurde. Auf ihn konnte, durfte, ja musste ich sogar vertrauen. Was wäre mir denn auch sonst übrig geblieben?

War ich verbittert? Enttäuscht? Wütend? Traurig? Aber nein. Das alles habe ich schon ganz lange hinter mir gelassen. Ich hatte es akzeptiert, hatte es akzeptieren müssen. Das alles. Doch ich konnte meine Gedanken sich selbst nicht weiterhin zerfressen lassen.

Nun B I N ich. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Meine wirren Gedanken lichteten sich, ich durfte mich nicht gehen lassen, musste versuchen dem erst kleinen Feind in meinem Kopf den Nährboden zu entziehen, ihm die Türe so fest wie möglich zu verschließen, musste den Lücken entgegentreten und sie füllen. Mein Blick schweifte nach rechts zu dem einen Bild, das an der einen Stelle hing. Seit Jahrzehnten. Darauf ein Plattenbau. Mein Plattenbau, mein Kiez, mein Grätzl. Hier war ich geboren worden. Hier würde ich sterben.

Alleine.

Ich kam in einem der ärmsten Viertel meiner Stadt zur Welt, mein Vater war im Krieg gefallen. Viele Erlebnisse meiner Kindheit hatte ich verdrängt, es war so viel Schmerz in ihnen, dass ich mich abschottete, verschloss und nicht hinterfragte. Dies geschah mit der Zeit, doch die Erinnerungen blieben mir verloren, mein Bewusstsein verband sie zu sehr mit Angst und Schmerz. Als ich jung war… Das Alter, das Alter, es will mir einfach nicht mehr in den Sinn kommen. Also: Als ich jung war, zog ich mit meiner Mutter in diesen neu erbauten Palast. Meine Augen staunten, als sie die schiere Größe sahen. Diese Größe will ich in meinem Leben erreichen. Mein altes Leben von mir strampeln. Ich flüsterte es stets vor mich hin, doch es nützte mir nicht viel. Ich hatte nichts davon, außer ein paar Tracht Prügel meiner Mutter. „Hör auf zu träumen, verdammt noch mal.“ Doch ich weigerte mich. Deshalb befestigte ich ein Foto meiner neuen Heimat, um mich immer an die Hoffnung zu erinnern. Ob ich besser bereits damals damit begonnen hätte? Ich weiß es nicht. Zu einem anderen Schluss habe ich mich bis heute nicht durchringen können. Oder wollen? Aus dem Bild des Palasts wurde im Handumdrehen ein Gefängnis, ein Ort an dem sich niemand wohl fühlte. Geprägt durch Gewalt, Drogen und Ernüchterung. So wurde aus dem Kind, das etwas aus sich machen wollte, das voller Freude die erste Klasse besuchte und unbedingt lernen wollte, unbedingt lesen, rechnen, schreiben, mehr werden wollte, jemand der in der Ecke lag und von dem in Zeitlupe eine blutverschmierte Spritze wegrollte, mit dem Gedanken bloß alles zu vergessen. Die Mutter zu vergessen, die abgehauen war, mit dem Typen aus der Nachbarwohnung und die jetzt bereits zwei Tage nicht zuhause war. Ich wollte vergessen, was geschehen würde, falls es jemand bemerken sollte. Ich wollte nicht in ein Heim gesteckt werden, wollte nicht den Palast verlassen und meine strahlende Zukunft aufgeben – ohne zu erkennen dass dies genau in jenem Augenblick geschah. Ich blickte durch dieses Fenster, als sie an der Tür klingelten. Ich wusste, dass es geschehen würde, nur nicht wann. Es war also so weit. Ich wollte es nicht. Natürlich nicht, doch was blieb mir anderes übrig? Ich wollte nicht aus dem Fenster springen, wollte mich nicht aufgeben, wollte kämpfen und es irgendwann schaffen, trotz aller Schwierigkeiten. Schließlich wurde es mir versprochen. Meine Lehrerin sagte mir einst, dass einigen von uns eine strahlende Zukunft erwartete, dass wir jeden Tag genug zum Essen haben würden, ohne uns Gedanken um das Geld das wir hatten und das noch zwei Wochen reichen musste. Dass wir im Himmel leben würden. Im Schlaraffenland, so wie ich es mir als Kind ausmalte. Doch was wurde aus diesem Versprechen, wohin ging die steigende Produktivität, die stets als Heilsversprechen ausgerufen wurde. Ich blieb von ihm unberührt. Und so auch meine Kinder, die ich schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Nach einer langen Zeit, die ich im Heim und in Pflegefamilien verbrachte, in denen ich als Göre und Taugenichts abgestempelt wurde, in denen ich viel jugendlichen Unsinn anstellte, kam ich zurück. Ich war nun erwachsen. Das Foto meines Plattenbaus hing noch immer, alles war so, wie ich es verlassen hatte müssen.

Ich wusste nicht, was ich nun mit meinem Leben anstellen sollte. Es war nicht einfach, doch ich schöpfte erneut Mut, wollte wieder zu diesem Kind werden, das voll naiver Gutgläubigkeit dachte, alles könne ich verändern. Und ich schaffte es.

Ich versuchte einen Job zu finden, mit dem ich über die Runden kam. Doch ich hatte zu viele Fehler in meiner Jugend gemacht. Mir wurde nicht verziehen. Mir wollte nicht verziehen werden. Die Gesellschaft wollte mich nicht sehen, weshalb sie mich nachts in Bürogebäuden versteckte, in Orten meiner Sehnsucht einsperrte, und ich tagsüber jene durch Telefonate belästigen durfte, zu denen ich werden wollte. Ich rackerte mich noch viele Jahre ab, doch mit der Zeit kam die Erkenntnis. Ich würde nichts ändern können. Mein Körper – zerschunden von der schweren Arbeit – war schwach, wurde schwächer und schwächer. Ich wurde krank. Seither sitze ich bloß noch. Ich sitze. Ich sitze. Den gesamten Tag. Hart hatte ich gearbeitet, viel Schweiß und Tränen vergossen, doch musste ich mir noch heute genau überlegen, was ich mich kaufen konnte, was ich mir leisten durfte. Konnte ich mir den Malzkaffee, den ich so liebte, in diesem Monat noch leisten?

Ich blicke erneut in meinen Schoß und entdecke die Kaffeetasse, in der ein letzter Rest mein faltiges Gesicht widerspiegelt. Ich setze sie an meine Lippen. Ich hatte es akzeptiert, wie alles gelaufen war. Die verwerfliche Ungerechtigkeit. Doch mit dem Malzkaffee, den ich schmeckte, schlich sich bei mir die Hoffnung ein, dass dies nicht bei allen anderen genau so war.

Ich lächelte und blickte durch das Fenster.

– Mathias Steiner

Leave a Reply