Im Westen viel Neues
(aufgezeichnet von Benjamin Ratschiller)
Der Name Hannes Götsch ist vielen bekannt, aus ganz unterschiedlichen und doch thematisch verwandten Gründen. Urgestein des Südtiroler Drum’n’Bass. Initiator und treibende Kraft hinter Revoltekk, dem Vinschger Vorzeige-Musikkollektiv. Öffentlichkeitswirksame Speerspitze mehrerer Vereine und Initiativen zur Förderung und Verbreitung von alternativen Kulturformen. Und als jüngster Eintrag im schillernden Curriculum Culturae: Gründer und Geschäftsführender Vorstand des Leuchtturmprojekts BASIS Vinschgau Venosta. In all diesen Aufgaben hat er das Gefälle zwischen traditionellen Strukturen und dem Wunsch nach Neuem, Anderem, Ungewohntem hautnah mitbekommen und versucht aktiv zu überbrücken, und den Dialog zwischen den Welten harmonischer und konstruktiver zu gestalten. Einfach geht anders. Der folgende Text gibt natürlich exemplarisch nur seine persönliche Erfahrung und Meinung wieder; jedoch spricht diese sicherlich vielen Südtiroler und besonders Vinschger Kulturschaffenden der letzten 25+ Jahre aus der Seele. Dies soll keine Brandrede gegen die etablierten Strukturen sein, sondern ein Aufzeigen der Diskrepanz und ein Denkanstoß für mehr Kooperation und Wohlwollen, für ein wenig Platz, Liebe und Empathie für das Unkraut inmitten der Monokultur.
Ein hartes Statement gleich vorneweg: Es ist ohne Zweifel so, dass uns, auch abseits von tiefgehenden sozialanthropologischen Diskussionen oder dem hinduistischen Kastensystem, nun einmal manches in die Wiege gelegt wird und manches eben nicht. Wer in Südtirol in erfolgreiches Unternehmertum, Handwerk oder landwirtschaftlichen Grundbesitz hineingeboren wird, hat zwar die durchaus nicht zu verachtenden Vorteile des gemachten Nests; doch stehen denen, die sie nicht vorfinden, dafür einige verschiedene Möglichkeiten offen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Im Grunde ist es bei der kulturellen Prägung und Entwicklung nicht anders. Früh genoss ich, vor allem durch meine beiden älteren Schwestern und deren Freundeskreis, Zugang zu noch unbekannten Musikformen, die in mir einen Funken zündeten, der bis heute nicht erloschen ist. Schon im gerade knapp zweistelligen Alter war mir das bloße unreflektierte Radiohören als willkommener Eskapismus von den schulischen und romantischen Sorgen des Heranwachsenden nicht mehr genug; ich begann Subgenres zu recherchieren, kuratierte mit Freunden eklektische MP3-Sammlungen und brannte Mixtapes auf CD, von denen wir heute noch schwärmen. Nicht, dass mich die klassische Musikerziehung nicht gereizt hätte; an einem Punkt entwickelte ich sogar großes Interesse daran, Schlagzeug zu lernen. Doch die langwierige, mittlerweile zum Glück etwas abgeänderte Odyssee „Singen und Notenlehre -> Blockflöte -> Aufnahme in die Instrumentenlehre der Wahl“ verschreckte mich und meinen jugendlichen Sturm und Drang doch zu viel, und ich begann mich anderweitig umzusehen und später auch selbst erste Erfahrungen in der Musikproduktion und dem DJ-Handwerk zu sammeln – unvergessen das Auflegen mit VHS-Kassetten voller aufgezeichneter Musikvideos in der Disco Hölle in Schlanders. All dies sollte irgendwann in die Bekanntheit als insomniac münden, bis hin zu Sets vor Szenegrößen und in renommierten Kulturzentren mit Hunderten Besucher:innen. Der Name ebenfalls Programm, denn noch immer bin ich bisweilen eine schlaflose Nachteule, die nach Sonnenuntergang erst aufblüht.
Aber zurück zu den Anfängen. Nun war als Jugendlicher das laute Anhören von Musik auf der heimischen Stereoanlage zwar ganz fein, doch in einem gewissen Alter möchte man hinaus in die Welt, sich unter seinesgleichen begeben, feiern und Spaß haben. Der Vinschgau war damals bei weitem nicht die Kulturwüste, als die er im Nachhinein oft verschrien wurde; es gab Musikkapellen Darbietungen, Feuerwehr- und Gartenfeste, Konzerte von Klassik und volkstümlichen Schlager zuhauf, sogar gelegentliche Rock- und Metal Veranstaltungen, die alle durchwegs professionell organisiert und gut besucht waren – aber eben nicht den Geschmack bedienten, den ich und viele meiner Freund:innen und Bekannten an diesem Punkt entwickelt hatten. Traditionelles Angebot war vorhanden, aber es deckte unseren Bedarf nicht. Wie für die Vinschger historisch üblich, pilgerte man daraufhin an andere Orte, in diesem Fall Meran, Bozen, andere Täler, die nähere norditalienische Umgebung und hie und da auch Innsbruck oder sogar weiter in den Norden. Dort fanden wir Inspiration und Diversität vor und genossen sie in vollen Zügen – was die Ernüchterung bei der Heimkehr daraufhin aber umso härter eintreten ließ. Semi-legale private Konzerte im Wald waren nur in den wärmeren Monaten und unter nicht zu unterschätzendem logistischem Aufwand möglich, also war bald war der Entschluss gefasst, auch hierzulande Strukturen zu schaffen, die Jugendlichen Raum zur freien Entfaltung und Gestaltung bieten konnten. Zwar gab es bereits Ansätze, Schlanders hatte zum Beispiel (wie jede größere Gemeinde) einen sogenannten Jugendraum – allerdings im örtlichen Widum neben der Pfarrkirche. Er bot wenig Platz, Brettspiele und ein Calcetto, und obendrein den leicht ideologisch-restriktiven Beigeschmack, der kirchlich geführten Einrichtungen nun mal innewohnt, und den man ihm auch nicht wirklich vorwerfen kann.
Ein neues Kapitel musste aufgeschlagen werden, frei nach Pippi Langstrumpfs „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, und war mit SPUNK bald gefunden. Ein 1998 gegründeter, unabhängiger Jugendklub bzw. ein Kollektiv, das sich dem Zugänglichmachen von Subkultur jenseits des Üblichen verschrieben hatte und auf große Resonanz und Andrang bei der hiesigen Jugend stieß. Von da an hatten wir Blut geleckt und investierten Zeit und Energie in unsere Vision der Vinschger Kulturlandschaft. 2002 die Etablierung des legendären Matscher Au Open Airs als Fixstern im Eventkalender des Südtiroler Westens und Novum in seiner Kombination von Livemusik, elektronischer Bassmusik und darstellender Kunst. 2006 dann, am Vorbild von legendären Vorgängern in Barbian, im Puster- und Eggental und diversen anderen, die Gründung des Kollektivs Revoltekk, auch dieses bald ein geflügeltes Wort der Südtiroler elektronischen Musik in der Masse des Diskotheken-Einheitsbreis. 2008 der Aufbau und die Eröffnung des JuZe Freiraum in Schlanders. 2011 die Gründung des Vereins kognitiv – Verein für Wahrnehmung, der sich nicht nur der reinen Veranstaltung von musikalischen Events, sondern Austausch, Dialog, Vermittlung, Verständnis und Respekt zwischen den Systemen widmete. 2015 schließlich die erste Idee und Vision des Projekts, aus dem später BASIS hervorgehen sollte (dazu später mehr).
Wenn man sich diese Streiflichter so durchliest, glaubt man an einen siegreichen Feldzug der bis dahin nicht dominanten Formen der Kultur, die sich stetig wachsend in Harmonie mit den traditionellen Strukturen etablieren konnten. Einige dieser Vorhaben waren aber von Einbußen, Abstrichen und Ablehnung begleitet; viele Projekte und Pläne hätten mit etwas mehr Unterstützung, oder zumindest etwas weniger Gegenwehr, einfacher realisiert werden können. Orte und Räume für Veranstaltungen standen ja zur Verfügung, aber sie ließen neue Ideen oft ohne Angabe von Gründen nicht zu. Entfaltung war zwar im Grunde möglich, wurde aber von strengen Rahmenbedingungen trotzdem bald in vorgegebene Bahnen gelenkt. Die einseitige Verteilung und Verwaltungshoheit der bestehenden Strukturen, organisatorischer Unwille und mangelnde Risikobereitschaft agierten zugunsten von “leer lassen” statt “Neues zulassen”. Frühe Sperrstunden ließen am Ende der Musik noch viel zu viel Nacht übrig. Gemeinden hatten theoretisch gut geeignete Orte, vergaben diese jedoch nur nach Lust und Laune anstatt anhand festgelegter Kriterien. Direkter Profit wurde als wichtiger erachtet als das Knüpfen von Beziehungen und Kontakten. Die für Italien üblichen bürokratischen Hürden, z.B. mit der Lizenzvergabe, taten ihr Übriges. Auch waren einige unserer Mitstreiter:innen die starren Denkmuster und demnach limitierten Gegebenheiten im Land irgendwann zuwider; viele suchten ihr Glück gezielt im Ausland oder verzichteten schlicht darauf, nach Studien oder längeren Aufenthalten zurückzukehren.
Die generelle Trägheit der Verwaltungsprozesse und die kulturelle Befangenheit einiger Verantwortlichen trieben oft kuriose Blüten. Eine Veranstaltung international renommierter Künstler in einem Kulturhaus konnte fast nicht stattfinden, da Monate später ein Theaterstück auf dem Programm stand und der Zeitplan zur Montage der Kulisse sonst um drei Tage zurückgeworfen würde. Das JuZe wurde zwar mit viel Input aus Jugend und Alternativkultur entworfen, jedoch ohne eventuelle Expansionsmöglichkeiten mitten im Dorf platziert, anstatt in der Peripherie des Matscher Au-Festplatzes, der den Jugendlichen mehr Freiraum – nomen est omen – und den Anwohnern besseren Schlaf beschert hätte. Teilweise wurde sogar aktive Repression betrieben; viele erinnern sich noch an die denkwürdige Ausgabe des Matscher Au Open Airs, bei der eine großflächige Straßensperre und ein Masseneinsatz der Polizei dazu führte, dass teilweise Familien auf dem Weg ins Freibad grob durchsucht wurden. Diese Dämonisierung des Anderen, die Verbindung von Subkulturen mit dem Kriminellen, Illegalen und Antisozialen ist ein weiterer Punkt, der sich zwar inzwischen gebessert hat, aber doch noch viel Aufarbeitung bedarf und der Kooperation über festgefahrene kulturelle Grenzen hinaus im Wege steht. Solche und andere Hürden führten nach wie vor dazu, dass oft auf weniger zentrale Orte ausgewichen wurde; Berge und Bunker gibt es im Vinschgau und darüber hinaus genug, und viele davon stören sich in ihrem ewigen Schlaf nicht unbedingt an ein paar Hundert Musikbegeisterten, solange die Sicherheit gewährleistet, die Flora und Fauna respektiert und die Location vorzeigbar zurückgelassen wurden. Doch auch dies war ein Schritt, der ein Umdenken und neue angepasste Ansätze erforderlich machte, um auf Augenhöhe gesehen und respektiert zu werden.
Vieles hat sich seitdem gebessert, viele Veranstaltungen fanden durchaus statt, viel Austausch und Zusammenarbeit wurde gefördert. Das Matscher Au Open Air lockte Scharen an Besucher:innen aus dem DACH-Raum und Italien nach Schlanders und etablierte das Tal als Location für zukünftige Events dieser Größenordnung. In der Taverne Ladum in Prad fanden wir Pioniergeist und Mut zu Neuem vor, aber auch Verständnis für die Bedürfnisse des Vinschger Nachtlebens. Im Vinschgau, aber auch im restlichen Südtirol entwickelten sich weitere Kollektive und Gruppierungen, die, unter anderem inspiriert von unserem Tun, auch ihrerseits Großes leisteten. Das JuZe Freiraum mit all seinen Initiativen und Aktionen war und ist eine beliebte Anlaufstelle für Jugendliche im Teenageralter. Der Verein kognitiv hat im stetigen Dialog mit den Powers That Be die Akzeptanz und Zusammenarbeit zwischen alternativen Künstler:innen und den herrschenden Strukturen nachhaltig verbessert und sich stetig diversifiziert, wie mit einem Beitrag im Magazin 39NULL über die Landflucht der Kreativen, oder generationsübergreifenden Digital- und Kunsthandwerks-Workshops; viele dieser Bestrebungen sind auch nach seiner Auflösung heute noch spürbar. Die im Ausland aktiven Südtiroler:innen haben sich als wertvolle Connections zu dortigen Initiativen und Kollektiven erwiesen, und halten auch heute noch regen persönlichen und aktivistischen Kontakt mit uns „Dableiber:innen“.
All dies, zusammen mit Arbeitserfahrungen in vielen Ländern Europas und China, die mich bzgl. der Ausbeutung von Mensch und Natur und des ungezügelten Turbokapitalismus desillusionierten, ließen den Wunsch nach mehr Fairness stetig wachsen. Der schließlich zur Idee heranreifte, ein Ausgleichsgewicht für kulturelle, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit aus der Taufe zu heben: BASIS Vinschgau Venosta.
Entstanden wie erwähnt als grobe Vision eines „Social Activation Hub“ im Jahr 2015, ist es nun ein Leuchtturmprojekt in Südtirol und darüber hinaus. Bis dahin war es ein langer Weg. So einen Ort der sozialen, wirtschaftlichen und eben auch kulturellen Gerechtigkeit zu schaffen, ist ein großes Vorhaben, und nur mit tatkräftigem Einsatz von frühen Unterstützer:innen, Mitarbeiter:innen sowie der Gemeinde Schlanders, der Provinz Bozen und der EU gelang es, diesen höchst komplexen hybriden Prototyp im ehemaligen Drusus-Kasernenareal (und inzwischen zwei weiteren Standorten) auf die Beine zu stellen. Erste kurze Erfahrungen der spartenübergreifenden Nachnutzung wären ja z.B. der aufgelassene Schießstand in Latsch, der zuerst kognitiv als Austragungsort für kulturelle Begegnung diente, oder die ENAL-Kaserne in Mals. BASIS hat nun sowohl die Weiternutzung von altem, historisch und identitär belastetem Bestand, als auch die Zusammenarbeit zwischen Etabliertem und Neuem in Wirtschaft, Bildung und Kultur nachhaltig verändert. Eine Reihe an systemischen Präzedenzfällen und best practice-Beispielen wurden und werden noch immer gesetzt.
In den Künstlerateliers verwirklichen sich ebenso Bildhauer aus der Nachbarschaft wie experimentelle Kreative aus aller Herren (und Damen) Länder; das alpenweit einzigartige Setting im KASINO wurde von Boiler Room-ähnlichen Technosessions ebenso zum Beben gebracht wie von lokalen Coverbands in nostalgische Tanzabende für ältere Generationen verwandelt. Die Förderung von aufstrebenden jungen Talenten, die den Veranstaltungsraum als Bühne, Tonstudio oder Videolocation verwenden möchten, erhält ebenso viel Stellenwert wie Konzerte von bekannten Künstlern, die andernorts Fußballstadien füllen. Stetiges Bestreben für eine bessere kulturelle Welt, ob durch Unterstützung von Initiativen wie Next Generation Of Cultural Spaces für kulturell motivierte Nachnutzung oder Zusammenarbeit mit und Andenken eines ähnlichen Konzepts wie die Night Mayors zur Verbesserung der Nachtökonomie. Durch Workshops für junge DJs und andere Formen der Musikproduktion schlagen sogar wieder die Brücke zurück zur traditionellen Musikerziehung, wenn auch in anderer Form. Die stets gute Zusammenarbeit mit den lokalen Vereinen beim Schlanderser Dorffest ist geprägt von gegenseitigem Respekt und Kooperation, man strebt nach Qualität und Vielfalt und setzt dies gemeinsam um.
Orte wie BASIS haben bewiesen, dass es Platz für Freiheit, Entfaltung, Kooperation, Andersdenken, Empathie und Mut zu Neuem braucht und man sich von Gegenwind nicht aufhalten lassen sollte. Es sind Kulturorte, die von Menschen selbst gestaltet werden, die nicht nur konsumfertige Produkte wollen. BASIS ist Gastgeber, baut neue Zugänge und verteilt Gemeingut gerechter, doch die Kultur lebt mit denen, die sie nach ihren Wünschen gestalten. Nutzer:innen und Unterstützer:innen füllen die Strukturen erst mit Leben und Kreativität; BASIS steht für das Mindset dahinter und hält den Werterahmen aus Offenheit, Toleranz, Respekt, Liebe und Empathie.
Zwar gibt es immer noch Engstirnigkeit und Rückschläge; wer sich gegen den Zeitgeist stellt, wird bisweilen Reibung erzeugen. Oft lässt sich diese konstruktiv ins Positive umwandeln, manchmal nicht. Es gibt noch einiges zu tun, Änderung ist die einzige Konstante, doch abschließend kann ich, nach mittlerweile 25 Jahren als Forscher und Reisender zwischen den Welten der Kultur klar sagen: Die alternative Szene in Tal und Land hat es weit gebracht – wir sind an der Herausforderung gewachsen, und gekommen um zu bleiben.
– Hannes Götsch
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