Klimadate mit den Verenas
Sie möchten die breite Öffentlichkeit zum Thema Klimagerechtigkeit informieren: Verena Gschnell und Verena Dariz.
Beide arbeiten für die OEW-Organisation für eine solidarische Welt in Brixen. Derzeit entwickeln sie eine multimediale Vortragsreihe, die nicht nur unser Konsumverhalten reflektiert, sondern unser gesamtes gesellschaftliches Gefüge. Ein Gespräch über Ungerechtigkeit und Eigenverantwortung in Zeiten des Klimawandels.
Klimawandel ist den meisten ein Begriff. Aber was genau ist Klimagerechtigkeit?
Verena Dariz: Eigentlich geht es bei Klimagerechtigkeit um Klimaungerechtigkeit. Grundsätzlich gilt, dass Länder des globalen Südens stärker von den Folgen des Klimawandels betroffen sind als Länder des globalen Nordens, obwohl letztere die meisten Treibhausgase verursachen und Ressourcen ausbeuten. Wenn man weiter ins Detail geht, wird sichtbar, dass auch diskriminierte Minderheiten die Folgen stärker zu spüren bekommen: So haben Studien beispielsweise gezeigt, dass Frauen in stark patriarchalen Gesellschaften oft nicht schwimmen lernen und deshalb bei Überschwemmungen – oft eine direkte Folge des Klimawandels – stärker gefährdet sind als Männer. Andere Studien zeigen, dass People of Color von den Folgen des Klimawandels stärker betroffen sind als weiße Menschen, da sie tendenziell in strukturell schwächeren Gegenden leben. Die Fridays-for-Future-Bewegung zeigt zudem den intergenerationalen Konflikt auf: Eine Generation hat in der Vergangenheit Schäden verursacht, deren Auswirkungen eine nächste Generation ausbaden muss. Auch das ist nicht gerecht und sollte irgendwie ausgeglichen werden.
Also geht es darum, von den Verursacher:innen eine Art Kompensation einzufordern?
Verena Gschnell: Im Grunde schon. Aber noch wichtiger: Es geht darum, nach Wegen zu suchen, diese Ungerechtigkeiten nicht weiter zu befeuern. Klimamigration ist beispielsweise ein Thema, das uns in Zukunft noch mehr treffen wird. Eine Frage, mit der wir uns jetzt beschäftigen müssten, wäre: Wie schaffen wir es, weniger Ressourcen auszubeuten und dadurch Lebensräume zu erhalten, damit Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen? Und wie organisieren wir Flucht menschenwürdiger? Wir sind an der derzeitigen Lebensraumzerstörung maßgeblich beteiligt und können uns nicht aus der Verantwortung ziehen.
Zum Beispiel?
Verena Gschnell: Unsere Projektpartner:innen in Ecuador kämpfen schon seit Jahrzehnten gegen die Erdölbohrungen im Yasunì-Regenwaldgebiet. Die multinationalen Konzerne, die dort bohren – unter anderem auch italienische Erdölpartner:innen – tun dies so billig wie möglich, verschmutzen das Grundwasser und die lokale Bevölkerung ist gezwungen, langfristig ihren Lebensraum zu verlassen, obwohl sie vom geförderten Erdöl keinen Cent sieht. Mit diesem Erdöl bringen wir dann unsere Wirtschaft ins Rollen.
Wo habt ihr denn das erste Mal gemerkt, dass die Folgen des Klimawandels global nicht gleichmäßig verteilt sind?
Verena Gschnell: Ich war 2011 für sieben Monate in Sambia und habe über die OEW ein Praktikum in einer Schule für Waisenkinder gemacht. Sie befand sich in einem der ärmsten Randbezirke von Chipata, einer 300.000-Einwohner:innen-Stadt. Während auf dem Land immer öfter die Regenfälle ausblieben und die Landwirtschaft vor dem K.O. stand, wurde auch in der Stadt das Wasser knapp und in unserem Viertel wurde zuerst das Wasser abgeschaltet. Die Menschen dort waren gezwungen, teilweise bis zu drei Monate ohne sauberes Trinkwasser auszukommen!
Verena Dariz: Ich habe nach der Matura auch über die OEW ein soziales Praktikum gemacht: in der peruanischen Bergsteiger:innenstadt Huaraz. Dort habe ich ähnliche Auswirkungen des Klimawandels erlebt wie bei uns: das Schmelzen der Gletscher, extreme Regenfälle und dann wieder Dürren. Der Unterschied zu uns ist, dass oft die nötige Infrastruktur und Sozialsysteme fehlen, um das Ärgste abzuwenden und dass große Landstriche zusätzlich für den Erzabbau und landwirtschaftliche Monokulturen zerstört werden, deren Profite vor allem der globalen Norden einsteckt.
Wenn ihr daran von Südtirol aus etwas verändern könntet, wo würdet ihr euch dann à la Klimaprotest festkleben?
Verena Gschnell: Direkt an die Tür des Landtages, damit gesetzmäßig etwas vorwärts geht. Ein strengeres Lieferkettengesetz, das aber wohl auf EU-Ebene verhandelt werden müsste, könnte beispielsweise verhindern, dass auch weiterhin intransparente Konzerne, die Umwelt- und Menschenrechte missachten, bei uns ihre Produkte verkaufen können.
Verena Dariz: Oder direkt in der Industriezone in Bozen. Unternehmer:innen können ganz konkret mitentscheiden, wo und wie produziert wird und woher die Rohstoffe kommen, die sie benötigen. Wir brauchen Wirtschaftstreibende, die nicht nur pro Forma einen vegetarischen Tag die Woche einführen, sondern selbst transparente Lieferketten fordern.
Kann man als Einzelne:r dann überhaupt nichts tun?
Verena Dariz: Auf jeden Fall! Ich möchte dem: der Einzelnen keineswegs den Handlungsraum absprechen. Denken wir an Greta Thunberg, die eine riesige Protestbewegung inspiriert hat. Ohne sie und die tausenden anderen jungen Menschen, die daraufhin aktiv geworden sind, würde der Klimawandel heute auf unserer politischen Agenda nicht so präsent sein.
Verena Gschnell: Oder denken wir an das Bio-Sortiment und die faire Produktauswahl, die es heutzutage in fast allen Supermärkten gibt – noch vor ein paar Jahren gab es sie nur im Ökogeschäft oder im Weltladen. Dass es sie jetzt in vielen Orten gibt, zeigt, dass auch wir Konsument:innen mit unserer Kaufentscheidung Einfluss üben können.
Aktiv werden ist also die Devise. Aber ganz so einfach ist es im Alltagsstress dann wohl doch nicht, oder?
Verena Dariz: Es gibt effektiv den Klima-Schweinehund. Ich probiere zum Beispiel gerade, mich vegan zu ernähren, auch wenn es mein soziales Umfeld nicht so einfach macht. Dabei will ich gar nicht völlig auf tierische Produkte verzichten. Kürzlich habe ich dazu etwas Inspirierendes gelesen: Wenn zehn Menschen nur mehr die Hälfte Fleisch essen, dann haben wir schon fünf Vegetarier:innen mehr. Mir gefallen Rechnungen, die zeigen, dass wir wirkmächtig sind, ohne in die Extreme gehen zu müssen.
Was ist dein persönlicher Beitrag zur Klimagerechtigkeit?
Verena Gschnell: Ich kaufe seit Jahren nur noch wenig Kleidung und wenn doch, dann nur nachhaltig und fair produzierte. Oft tausche ich etwas mit Freundinnen oder finde etwas secondhand. In Südtirol hat sich in dieser Branche letztlich einiges getan und es gibt inzwischen auch Produzent:innen, denen eine transparente Lieferkette am Herzen liegt. Wir haben sie hier aufgelistet: www.oew.org/kleidung.
Gibt es etwas, worauf ihr derzeit – Klima hin oder her – noch nicht geschafft habt, zu verzichten?
Verena Dariz: Autofahren. Ich versuche mir so oft wie möglich Mitfahrgelegenheiten zu organisieren, aber da ich etwas ab vom Schuss wohne, ist es nicht so leicht.
Verena Gschnell: Ich habe kürzlich zwei Wochen lang versucht, meine Handyzeit auf eine Stunde pro Tag zu reduzieren: Da bin ich wirklich total gescheitert. Auch bei uns gibt es noch genug Luft nach oben!
– Anna Mayr
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