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Von rasenden Aufzügen und vereinten Kanus: Queere Familien in Italien

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Schon als Kind habe ich mir immer vorgestellt, irgendwann Kinder zu „haben“ (hier geht’s schon los – was für eine merkwürdige Formulierung). Irgendwann eine Elternfigur zu sein – am besten von vier Kindern, habe ich meiner Familie stets vorgekräht, „zwei adoptiert und zwei aus dem Bauch“. Natürlich war das eine Kindervorstellung, das mit den vieren würde ich mir heute nochmal gründlich überlegen – und beim Thema Adoption habe ich auch dazugelernt. Da gilt es bewusst und kritisch einiges zu bedenken: dass Adoption auch viele negative, traumatische und ethisch-kritische Seiten haben kann, zum Beispiel. Oder dass man dadurch nicht automatisch etwas Gutes tut. Und natürlich, dass es wichtig ist, das Umfeld zu bedenken – Südtirol kann für ein Kind of Colour beispielsweise Schwierigkeiten und Ausgrenzungserfahrungen bedeuten, die wir weiße Menschen uns gar nicht vorstellen können.  Und trotzdem: Gerade mit Blick auf die Zukunft und auf diese wunderbare Welt, die wir Menschen so kaputt machen; auf all die Ungerechtigkeiten und den tatsächlichen CO2-Fußabdruck von Kindern, die zu Erwachsenen werden, ergibt es einfach Sinn. Es ergibt so viel Sinn, Kindern, die gerade keines haben, ein Zuhause, ein liebevolles Nest zu bieten. Versuchen, sein Bestes zu geben und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass da von Anfang an Traumata mit einbezogen sind. Einfach da zu sein – für Kinder, die es schon gibt. Statt Kinder aus dem eigenen Wunsch heraus in die Welt zu bringen; für sie zu entscheiden, dass es sie geben soll. All das hat sich in den letzten Jahren zu einem logischen Bild von Familie, ja, auch von meiner Wunschvorstellung für die Zukunft, zusammengepuzzelt. Eine Zukunft, die noch weit weg ist – ich bin schließlich gerade mal Anfang zwanzig und im Ausland zum Studieren -, die aber irgendwann einfach Realität werden würde, so mein Träumchen. 

Bis ich verstanden habe, dass das nicht geht. 

Meine Freundin und ich können gar nicht Eltern werden. Und zwar weder durch Adoption (die ist für queere Paare in Italien nämlich komplett verboten) noch „aus dem Bauch“. Kinder queerer italienischer Paare können nämlich nicht legal registriert werden. Sie können nur Kind des biologischen Elternteils sein, was bedeutet, dass nur dieses legal mit dem Kind reisen, es vom Kindergarten abholen oder zum Arzt bringen darf. Und dass das Kind, falls dieses eingetragene Elternteil stirbt, zum Waisen in der Hand des Staates wird. Eines der beiden Elternteile gibt es also offiziell gar nicht und es hat kein einziges Recht. Das gilt umgekehrt auch für das Kind dessen, beispielsweise bei finanziellen oder erblichen Ansprüchen. Gerade vor einigen Monaten, im März 2023, hat die rechtsradikal-konservative Regierung unter meloni (ja, extra klein geschrieben) wieder einmal ihren Standpunkt in diesem Aspekt klargemacht, indem sie Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala, welcher kurzzeitig durch eine gesetzliche Lücke mehrere queere Familien registriert hatte, zwang, dies zu beenden. Ein weiterer Schritt melonis „gegen die Gender-Ideologie und die LGBT-Lobby“ vorzugehen und „die traditionelle Familie zu schützen“ – „aber nein, ich bin nicht homophob“, natürlich immer hinten drangehängt. Es gibt eine schier endlose Reihe solcher Aussagen zu LGTBQIA+-Themen „unserer Ministerin“ (ein Wunder, dass nicht das ganze Universum aufschreit, wenn dieser Titel für so eine Person verwendet wird). Besonders die trans- und nicht-binäre Community ist dem rechten Bündnis ein riesiger Dorn im Auge. Und natürlich wird auch gegen Feminismus, Abtreibung, und (traurigerweise nicht mehr überraschend) gegen Flüchtende gehetzt. Die aktuelle Regierung hat nun vor, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung nicht mehr als Asylgründe anzuerkennen. All das wird von der EU stark kritisiert und führt dazu, dass Italien, was die (Un-) Sicherheit von queeren Personen betrifft, nun auf ein Level mit Ungarn und Polen gestellt wird. Es scheint, als würden immer mehr westliche Länder in diesen Aufzug, der aber nicht auf- sondern rasend abwärts rauscht, einsteigen; uns dabei an die Schachtwände hauend und zerquetschend, versuchend, uns zu begraben. 

Und ja, all das macht mir Angst. Angst, wie es weitergehen wird. Und wütend, das macht es mich – und wie! Wütend machen mich auch Menschen, denen ich von der Situation erzähle, und die dann antworten „Jetzt hab dich nicht so, sei froh, dass du nicht schwul bist, du kannst dich ja einfach schwängern lassen“. Die nicht verstehen, dass ich persönlich nicht mit irgendeinem Unbekannten ein Kind zeugen möchte und nicht biologischer verwandt sein will als meine Partnerin, die dann überhaupt nicht als Elternteil gilt. Dass ich überhaupt kein biologisches Kind in die Welt bringen will! Dass ich doch einfach nur da sein möchte, für kleine Menschen, die einen Platz suchen. Dass ich Verantwortung in dieser ver-rückten Zeit der Krisen übernehmen will. Ja, wütend macht mich auch der darauffolgende „optimistische“ Kommentar „Ach, bis du soweit bist, tut sich da sicher noch viel“. 

NEIN. Ich bin wütend und ich will, dass der Grund dafür verstanden wird. Dass ihr geschockt und betroffen seid, dass wir zusammen traurig sein können über all die Ungerechtigkeiten und dass vielleicht auch mal die Worte fehlen. Dass verstanden wird, wie sich das anfühlt, wenn eine Populistengruppe hoch zehn dafür verantwortlich ist, dass es der Liebe vollkommen unnötig schwer gemacht wird. Wie es sich anfühlt, wenn andere über deine tiefsten Wünsche entschieden. 

Wir brauchen Einfühlungsvermögen und Solidarität. Und vor allem brauchen wir Wut und Empörung!  So viele queere Familien durchleben das jetzt gerade, so viele stehen alleine vor Gericht und versuchen verzweifelt, das Menschenrecht auf Familie einzuklagen. Es wird sich nichts ändern, wenn ihr uns nur mitleidig beobachtet, diese „Schwulen und Lesben vom anderen Ufer“ (andere queere Personengruppen nicht einmal mitdenkend), und darauf vertrauen, dass sich schon was ändern wird. Gerade ändert sich alles nach hinten. Der Aufzug rast. Und nur wir, und zwar alle gemeinsam, können ihn stoppen.

Deshalb: Lasst uns Kanus, Boote, Flöße bauen und die Ufer verbinden. Lasst uns Pläne schmieden, aufeinander Acht geben, Demos organisieren, protestieren und die Wahlurnen stürmen. Lasst uns laut werden – auf dass in dieser absurden Zeit zumindest die Liebe sein darf. Und auf dass kleine Menschen noch mehr Nester finden. Nester, die nicht im nächsten Augenblick von einem Aufzug zerschmettert werden. Nester, die gepolstert sind von unserer ganzen Gesellschaft. 

– Blue

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